15.11.2019

Deutsche Krebshilfe fördert Methadon-Therapiestudie

15.11.2019

Darmkrebs verstärken

Ulm (gwb) – In den letzten Jahren ist das Schmerzmittel Methadon als vermeintlich vielversprechendes Krebsmedikament in den Blickpunkt der Öffentlichkeit geraten. Jedoch liegen bisher noch keine belastbaren Daten für den Einsatz in der klinischen Praxis vor. Wissenschaftler des Universitätsklinikums Ulm wollen nun in einer Therapiestudie feststellen, ob Methadon bei Patienten mit fortgeschrittenem Darmkrebs wirksam ist. Damit wird der Wirkstoff erstmals unter klinischen Bedingungen untersucht. Die Deutsche Krebshilfe fördert die Studie mit 1,6 Millionen Euro.

 

Eingeschlossen in die Studie werden Patienten mit bereits metastasiertem Darmkrebs, bei denen die Chemotherapie nicht mehr anschlägt. „Die Krebszellen nehmen die Medikamente nicht mehr auf, sie sind widerstandsfähig geworden. Unsere Hypothese ist, dass Methadon den Tumor wieder empfindlich für die Chemotherapeutika macht – auch dann, wenn alle anderen Therapiemöglichkeiten ausgeschöpft sind“, erläutert der Studienleiter Professor Dr. Thomas Seufferlein, Ärztlicher Direktor der Klinik für Innere Medizin I des Universitätsklinikums Ulm.

 

Experimentelle Untersuchungen haben gezeigt, dass sich Methadon als wirksame Substanz erweisen könnte. Entscheidend für die Wirkung sind die sogenannten Opioid-Rezeptoren auf der Oberfläche von Krebszellen. An diese kann sich das Methadon anheften und seinen Effekt auf die Zelle entfalten. „Je höher die Anzahl der Rezeptoren auf der Zelle ist, desto empfänglicher ist sie für Methadon“, so Seufferlein weiter. „Einmal angedockt, sorgt es in der Zellkultur dafür, dass die Chemotherapeutika besser in die Zellen eindringen können – die Medikamente wirken damit effektiver. Wir hoffen, dass sich dieses Konzept auch auf die Patienten übertragen lässt.“

 

Von der Grundlagenforschung zum Patienten

Die Ulmer Wissenschaftler wollen nun feststellen, ob die im Labor gewonnenen Erkenntnisse auch in der klinischen Praxis Bestand haben. Dazu werden sie zunächst die Verträglichkeit des Methadons und die passende Dosis in Verbindung mit der Chemotherapie anhand einer kleinen Gruppe von Studienteilnehmern untersuchen. In der zweiten Phase der Studie wird eine größere Patientengruppe in zwei Therapiearme aufgeteilt: Eine Gruppe erhält die Chemotherapie zusammen mit Methadon, während die andere Gruppe ausschließlich mit den Chemotherapeutika behandelt wird. Nach einer bestimmten Zeit wird festgestellt, welche Patienten die besseren Behandlungsergebnisse aufweisen. „Dabei geht es zwar primär um den Therapieerfolg an sich – darüber hinaus möchten wir aber auch die Lebensqualität unserer Patienten im Auge behalten“, erklärt Seufferlein. Die Studie soll bis zum Jahr 2026 abgeschlossen werden.

 

Gerd Nettekoven, Vorstandsvorsitzender der Deutschen Krebshilfe, betont: „Bisher liegen zum in der Öffentlichkeit diskutierten Thema Methadon in der Krebstherapie nur Ergebnisse aus der Grundlagenforschung vor. Auf dieser Basis raten wir nach wie vor von einem Einsatz von Methadon als Krebsmedikament außerhalb von kontrollierten Studien ab. Daher halten wir es für wichtig, das mögliche Potenzial dieses Wirkstoffs nun erstmals unter klinischen Bedingungen zu untersuchen.“

 

Stellungnahme der Deutschen Krebshilfe zum Thema „Methadon in der Krebsmedizin“

 

Stellungnahme der Deutschen Krebshilfe zum Thema ‚Methadon in der Krebstherapie‘, zu geförderten Forschungsarbeiten von Frau Dr. Friesen, Universitätsklinikum Ulm, Institut für Rechtsmedizin, sowie zu weiteren an die Deutsche Krebshilfe gerichteten Anträgen auf Forschungsförderung zum Thema ‚Metha-don‘ – u.a. auf Unterstützung klinischer Studien

 

Frau Dr. Friesen wurde im Jahr 2009 von der Deutschen Krebshilfe ein Forschungsprojekt „Opioide als neuer Therapieansatz für die Behandlung von malignen Hirntumoren“ für drei Jahre mit insgesamt 300.000,– Euro bewilligt. Die Förderung erfolgte auf der Grundlage der Bewertung des Antrages von Frau Dr. Friesen durch den für Forschungsfragen zuständigen Fachausschuss der Deutschen Krebshilfe unter Hinzuziehung auch externer Gutachter. An dieser Stelle sei angemerkt, dass die Deutsche Krebshilfe grundsätzlich allen innovativen Ansätzen, die zu einer besseren Behandlung von Krebspatienten beitra-gen könnten, aufgeschlossen gegenübersteht und diese bei nachgewiesenen fundierten wissenschaftli-chen Vorarbeiten und positiver Begutachtung durch Fachexperten auch fördert.

 

Ein weiterer Antrag auf Forschungsförderung von Frau Dr. Friesen mit dem Titel „Opioide sensitivieren Ovarialkarzinome für konventionelle Therapien“ wurde nicht genehmigt. Von gutachterlicher Seite wurden seinerzeit gravierende Kritikpunkte angeführt und Fragen aufgeworfen. Die Gutachter äußerten sich kri-tisch, insbesondere zum Arbeitsprogramm (zum verwendeten Zell-Modell-System), aber auch zum Innova-tionspotential des Forschungsvorhabens. Die Kritikpunkte wurden Frau Dr. Friesen mitgeteilt, ebenso der Hinweis, dass nach den vorliegenden Erkenntnissen der grundsätzlich interessante Ansatz – Einsatz von Methadon zur Behandlung von Tumorerkrankungen – vielmehr im Rahmen einer klinischen Studie (Thera-piestudie) überprüft werden sollte. Ihr wurde somit deutlich signalisiert, dass die Förderung einer klini-schen Studie, beispielsweise zur Glioblastom-Therapie mit Methadon, durch die Deutsche Krebshilfe grundsätzlich möglich ist.

 

Anfang Juni 2017 wurde der Deutschen Krebshilfe ein Antrag einer Verbundstudiengruppe (unter Beteili-gung mehrerer universitärer Standorte) auf Förderung einer klinischen Phase-I/II-Therapiestudie, bei der bei Patienten mit Hirntumoren (Glioblastom) die Gabe von Methadon untersucht werden sollte, zur Prü-fung vorgelegt. Bei diesem Studienantrag gehörte Frau Dr. Friesen nicht zu den Antragstellern, sie war je-doch als Mitglied des Wissenschaftlichen Komitees in das Studienvorhaben eingebunden. Auch dieser Antrag konnte – auch nach Überarbeitung – nicht genehmigt werden. Das Studienkonzept erschien den Gutachtern letztlich nicht überzeugend. Klärungsbedarf wurde insbesondere zu methodischen und statis-tischen Fragen gesehen (beispielsweise zur Anzahl der Studienarme und Studienpatienten, zum Stu-dienendpunkt, zum Umgang mit möglichen Studienarm-Präferenzen der Patienten). Zusammenfassend wurden von gutachterlicher Seite zu der vorgeschlagenen Phase-I/II-Therapiestudie, bei der der heutige Therapiestandard mit anderen Testsubstanzen – unter anderem mit Methadon – verglichen werden soll, Zweifel geäußert, ob die Fragestellung(en) mit dem vorgeschlagenen komplexen Studiendesign (7-armig) beantwortet werden können.

 

Ein weiterer Antrag auf Förderung einer klinischen Studie erreichte die Deutsche Krebshilfe im April 2018 von einer Arbeitsgruppe des Universitätsklinikums Ulm (Studienleiter: Professor Dr. Thomas Seufferlein, Ärztlicher Direktor der Klinik für Innere Medizin). Hierbei handelt es sich ebenfalls um eine Phase I/II-Stu-die, bei der die Wirkung von Methadon in Kombination mit einer Chemotherapie beim fortgeschrittenen kolorektalen Karzinom untersucht werden soll. Bei diesem Antrag ist Frau Dr. Friesen als Mitglied des Ste-ering-Commitee/Protokoll-Commitees in die Studie eingebunden. Der Studienantrag wurde im Oktober 2019– nach eingehender Begutachtung durch den zuständigen Fachausschuss der Deutschen Krebshilfe – genehmigt. Damit fördert die Deutsche Krebshilfe eine Studie, mit der erstmals der Wirkstoff Methadon unter klinischen Bedingungen untersucht wird.

 

https://www.krebshilfe.de/informieren/presse/neues-aus-der-forschung/deutsche-krebshilfe-foerdert-methadon-therapiestudie/

 

Bisher liegen Erkenntnisse zum Thema Methadon in der Krebstherapie nur aus der Grundlagenforschung – beispielsweise aus einem von der Deutschen Krebshilfe geförderten Grundlagenforschungsprojekt –vor, die bisher jedoch nicht in der klinischen Situation unter kontrollierten Studienbedingungen überprüft wurden. Vor diesem Hintergrund hält es die Deutsche Krebshilfe derzeit für ethisch geboten, Patienten, die nach diesem Behandlungsansatz fragen, dahingehend zu informieren, dass es für diese Form der Krebstherapie momentan noch keine belastbaren Daten aus klinischen Studien gibt. Auf der Basis der bis-her vorliegenden Daten ist ein Einsatz von Methadon als Krebsmedikament außerhalb von klinischen Stu-dien nicht gerechtfertigt. In diesem Sinne hat sich auch die Deutsche Gesellschaft für Hämatologie und Medizinische Onkologie, Berlin in zwei Stellungnahmen geäußert. Die Stellungnahmen sind abrufbar unter:

 

https://www.dgho.de/publikationen/stellungnahmen/gute-aerztliche-praxis/methadon/DGHO_Stellungnahme_Methadon%2020170426_.pdf/view

 

(Information für Patienten).

 

Bonn, Oktober 2019 Gerd NettekovenVorsitzender des Vorstands

 

Viele weitere Informationen finden Sie unter:

https://www.krebshilfe.de/

 

Gerhard Kreutzer

Quelle: Pressestelle Deutsche Krebshilfe

28.10.2019