Nicht nur das. Die Ärztinnen und Ärzte dieser Standorte sind überdies via Videokonferenzen miteinander verschaltet. In diesem Netzwerk, das die beiden Landkreise Böblingen und Calw abdeckt, werden wöchentlich alle neuen Tumorfälle besprochen. Außerdem gibt es eine spezielle hämatologische Konferenzschaltung für Erkrankungen der Blutbildung, bei der Dr. Markus Ritter stets mit dabei ist. Motto des großen Zusammentreffens auf der Leinwand: Ein Mehraugenprinzip. Viele Augen sehen mehr als zwei. Diese hämatologische Konferenz ist notwendig, weil die Betreuung von Leukämien, Lymphomen und anderen Bluterkrankungen spezielles Wissen und Erfahrung erfordert.
In der Klinik für Hämatologie und Onkologie ist ärztlicher Wissensaustausch von besonderer Bedeutung.
„Bedenken Sie, dass der Wissenszuwachs in der Onkologie enorm schnell ist“, sagt der Mediziner. Einer allein könne dieses weite Feld unmöglich abdecken. Allein schon die Therapiekonzepte in den (zumeist) englischsprachigen Fachzeitschriften zu studieren, sei eine Riesenaufgabe. Weshalb also nicht das Wissen in einen Pool geben, um den für den jeweiligen Patienten optimalen Behandlungsweg zu entwickeln. „Wir Kollegen melden die Fälle zuvor über PC an, wir bereiten uns gezielt für die speziellen Fälle vor, belesen uns und diskutieren Behandlungsmöglichkeiten, neu zugelassene Medikamente und deren Nebenwirkungen und vieles mehr.“ Hat einer etwas bei einer internationalen Tagung oder Fortbildung erfahren, kann er oder sie seinen Kenntniszuwachs sogleich in den großen Kreis einspeisen.
Was die Ärztinnen und Ärzte für Hämatologie und Onkologie zu behandeln haben, sind ja keine Kleinigkeiten. Akute Leukämien (Blutkrebs) müssen hier ebenso hochdosiert therapiert werden wie aggressive Lymphome oder Lymphdrüsenkrebs. Und auch Knochenmarktransplantationen sind hier keine Seltenheit.
Mit neun Onkologen und weiteren Ärzten in Ausbildung an den Häusern im Verbund verfüge man schon über die Kompetenz eines Gro0klinikums, sagt Dr. Ritter und freut sich über den interdisziplinären Dialog, der die gemeinsamen Besprechungen prägt:
„Da ist der Chirurg neben dem Strahlentherapeuten, sind weitere Onkologen dabei und ein Pathologe, der die Gewebeprobe gesehen hat.“
Dr. Ritter hat deshalb keinen Zweifel, dass die vor drei Jahren eingeführten Videokonferenzschaltungen (die weite Fahrwege sparen helfen), zur Tradition werden, wenn sie es nicht schon sind.
„Wir pflegen einen Teamgedanken“, versichert der Mediziner, der nach seiner Zeit in Marburg vor viereinhalb Jahren nach Sindelfingen gekommen ist:
„Die Synergie von Fachkompetenz bringt alle weiter“
Die molekulare Medizin, wie sie in Dr. Ritters Abteilung vorherrscht, wird seiner Aussage nach immer spezieller. „Lungenkrebs ist nicht gleich Lungenkrebs“, bringt der Fachmann ein Beispiel. Heute wisse man, dass bestimmte Signal- und Stoffwechselwege unterschiedlich aktiv sein können in den Tumoren von kranken Menschen.
Deshalb gilt:
„Der Schlüssel von Medikamenten und bzw. oder Bestrahlung soll nicht nur ins Schloss passen. Er muss sich auch drehen lassen.“
„Die Chemotherapie ist da vergleichsweise weit weniger selektiv, aber man kann auf sie bislang nicht verzichten.“
Bei bestimmten Erkrankungen gebe es hochspezifische neue Hemmstoffe für Zellwachstum, die erfolgreich und verträglicher eingesetzt werden könnten.
Dr. Ritter: „Wir nehmen an internationalen Studien teil, um unseren Patienten die neuesten Therapieoptionen frühzeitig anbieten zu können.“
Und: „Nachsorge ist wichtig“, sagt der Mann aus Hildrizhausen: „Wir dokumentieren alle Patienten im Krebsregister – so, wie es ja auch vorgeschrieben ist.“
Je gezielter die Therapie bei Krebs, desto erfolgversprechender ist sie. Ein Extrembeispiel dafür ist laut Dr. Ritter die „chronische myeloische Leukämie“ (CML). Die war vor zehn Jahren in fast allen Fällen tödlich. „Viele verstarben nach drei bis fünf Jahren“, so Dr. Ritter. Dann seien in Laborexperimenten an Zellkulturen sogenannte Inhibitoren (Hemmer) entwickelt worden. Konsequenz: Die CML ist jetzt eine chronische Erkrankung, aber eine, bei der der Patient „wahrscheinlich eine normale Lebenserwartung haben kann“.
So lautet denn auch die Schlussfolgerung erfahrener Ärzte wie Dr. Ritter einer ist: So wie jeder Mensch einzigartig ist, ist es auch jeder Tumor. Das heißt konsequenterweise: Jeder braucht auch seinen eigenen Wirkstoff – Cocktail gegen seinen Krebs, einen Schlüssel zu seiner eigenen Tumor – DNA.
Dass die pharmazeutische Industrie und die Grundlagenwissenschaftler viel daran forschen, ist einleuchtend. Letztlich werden unzählige Substanzen erforscht, von denen nur einzelne in die klinische Anwendung gelangen. Das erklärt eben auch die hohen Kosten.
„Aber wenn`s hilft…“
Auch sogenannte „autologe (eigene) Transplantationen“ (Stammzelltransplantationen) sind ein wichtiger Baustein der Hightech – Medizin geworden. Sie ermöglichen bessere Heilungsraten aufgrund intensivierter Therapie.
Bei diesem Verfahren werden körpereigene Blutstammzellen durch eine spezielle Form der Blutwäsche aus der Vene gesammelt. Diese Zellen werden später nach der sogenannten Hochdosistherapie dem Körper durch Transfusion wieder zugeführt. Diese Blutstammzellen siedeln sich dann im Knochenmark wieder an und sichern die körpereigene Blutbildung. Wie das im Einzelnen vor sich geht, lassen wir an dieser Stelle einmal beiseite. Wer die Feinheiten dafür auch nur annähernd verstehen will, sollte wenigstens einen Oberstufen – Leistungskurs in Chemie respektive Biologie absolviert oder am besten gleich Medizin studiert haben.
Leukämien, Lymphome und andere aggressive Krebserkrankungen sind keine Seltenheit. Allein in Sindelfingen, wo Dr. Markus Ritter arbeitet, gab es im letzten Jahr 1.440 Fälle, die in der Ambulanz behandelt worden sind. Die stationären Aufnahmen noch gar nicht mitgezählt. Die Absolut zahlen nähmen zu, beobachtet Dr. Ritter, der das auch eine Folge der demographischen Entwicklung nennt. Wer älter wird, hat letztlich ein höheres Risiko, an Krebs zu erkranken. „Aber die Behandlungsmöglichkeiten werden Gott sei Dank ja auch immer besser“, weiß der Mediziner aus Beruf und Berufung.
Quelle: Hans Siedann, Gesundheitsmagazin Impulse, Pressestelle